Science-Fiction
ist die eigentliche Gegenwartskunst

Beamen wäre eine großartige Fortbewegungsart, findet der Autor und Lektor Sascha Mamczak und empfiehlt chinesische Autoren, wenn man in Sachen Science-Fiction up to date sein will.

Visionäre Mobilität ist in der Science-Fiction-Literatur ein immer wiederkehrendes Thema. Wie erklärt sich diese Affinität zwischen Fortbewegung und Science-Fiction?

Nun, man könnte sogar noch weitergehen und sagen, dass Science-Fiction und visionäre Mobilität in ihrer Anfangszeit im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mehr oder weniger deckungsgleich waren. Es ging damals praktisch immer um Aufbruch, um Dynamik, um Beschleunigung und um die damit verbundene Technik und Infrastruktur. Einer der Urväter des Genres, Jules Verne, war ja passionierter Reiseschriftsteller. Er hat erkannt, dass es sich in der Zukunft vor allem um die Eroberung von Räumen drehen würde, auf der Erde und darüber hinaus. Und wenn es in unserem Universum eines gibt, dann jede Menge Raum. Heute ist die Science-Fiction längst nicht mehr so besessen von Mobilität wie damals, aber Sie brauchen sich nur Star Wars anzuschauen, um die Echos jener Anfangszeit wahrzunehmen.

Gibt es eine Fortbewegungsmöglichkeit aus Science-Fiction-Werken, die Sie gerne umgesetzt haben würden?

Das Teleportieren, also das, was in Star Trek "Beamen" heißt. Das wird zwar nie Realität werden - außer wir finden irgendwann eine Möglichkeit, die Heisenberg'sche Unschärferelation auszuhebeln oder zu umgehen. Aber trotzdem: Es wäre die am wenigsten naturbelastende Fortbewegungsart, die man sich nur denken kann. Denn das ist ja das Problem bei diesen ganzen monströsen Visionen von immer größeren Flugzeugen und immer schnelleren Autos und Zügen: Wo kommen Energie und Material her? Und wie viel Fläche brauchen wir dafür? Was das betrifft, bedaure ich es übrigens sehr, dass die Magnetschwebetechnik so wenig Anklang gefunden hat. Ich fand es irgendwie eine schöne Vorstellung, dass unsere Züge hoch oben auf Stelzen fahren, während sich unten die Pflanzen und Tiere das Land zurückholen. Aber da war ich wahrscheinlich zu naiv.

Science-Fiction gewinnt als Inspirationsquelle für Produkte an Bedeutung. Was halten Sie davon?

Das kommt darauf an, welche Science-Fiction Sie als Inspirationsquelle nehmen. "Die" Science-Fiction gibt es ja nicht. Das Genre ist so bunt und vielfältig, dass Sie zu jeder Zukunftsvision auch deren Gegenteil finden, wenn Sie nur lange genug suchen. Die Science-Fiction, die fast alle kennen, also die großen Filme oder Serien, finde ich als Inspirationsquelle ziemlich langweilig. Meistens geht es da nur um irgendwelche spektakulären Gadgets, die dem Zuschauer ein "Wow!" entlocken sollen. Ich meine, Produktentwickler sollten lieber die Romane von Cory Doctorow, Bruce Sterling oder William Gibson lesen.

Sprechende Autos, Raumschiffe, die zu anderen Planeten unterwegs sind, menschenähnliche Roboter: Vieles, was vor 40, 50 Jahren nur in der Fantasiewelt der Science-Fiction-Autoren existierte, ist heute Realität. Ist überhaupt noch Platz für neue Fiktionen?

Oh ja, definitiv. Die Räume werden natürlich enger und die Science-Fiction muss sich ganz schön strecken, um noch den "sense of wonder" zu erzeugen, der sie immer ausgemacht hat. Aber: Das meiste, was heute Realität ist, entspricht der Science-Fiction von vor 50 Jahren - wir stecken also gerade tief in der fiktiven Zukunft der 1960er- und 1970er-Jahre. Wenn die Science-Fiction immer 50 Jahre vorausdenkt, dann mache ich mir um sie keine Sorgen.

Haben sich die Themen, die Erzählungen der Science-Fiction-Literatur angesichts von realen Bedrohungen wie Umweltverschmutzung, Klimawandel oder neuen Kriegen geändert?

Absolut. Ein aktueller Science-Fiction-Roman, der diese Themen nicht aufgreift, würde nicht ernstgenommen - was natürlich nicht heißt, dass nicht jede Menge Sachen geschrieben werden, die irgendwo im Weltall bei den fiesen Aliens spielen, schließlich reden wir ja über ein Unterhaltungsgenre. Aber die guten Science-Fiction-Autoren haben diese Themen schon seit Langem aufgegriffen. Und was das betrifft, würde ich sogar sagen, dass die Science-Fiction die eigentliche

Gegenwartskunst ist - denn die meisten Mainstreamkünstler haben mit diesen Themen bekanntlich ja nicht viel am Hut.

Geben Sie uns einen Tipp: Welches Buch aus dem Science-Fiction-Genre sollte man im Moment unbedingt lesen?

Ich empfehle "Zerbrochene Sterne", herausgegeben von Ken Liu. Eine Sammlung chinesischer Science-Fiction-Stories. Klingt sehr exotisch und ist es auch - aber was die Science-Fiction angeht, ist China gerade das Land der Stunde. Man lernt unglaublich viel, wenn man diese Geschichten liest. Und sie machen einen Heidenspaß.

Und ein Klassiker, der eigentlich auf jeder Leseliste stehen sollte?

Jede Erdenbürgerin, jeder Erdenbürger sollte einmal im Leben "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury gelesen haben. Das meine ich wirklich. Es gibt kaum einen wichtigeren Roman. Er macht uns klar, was es heißt, selbst zu denken.

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