ZEITFRAGEN

ZEITFRAGEN

Interview zur unterschiedlichen Wahrnehmung von Zeit

Dr. Marc Wittmann hat Psychologie, Philosophie sowie Humanbiologie studiert und gilt als Koryphäe in der Erforschung der Zeitwahrnehmung. Für uns hat er sich Zeit genommen.

Zeit vergeht mal schnell und mal langsam. Woran liegt das?
Unser Gefühl von Zeit setzt sich aus zwei verschiedenen Wahrnehmungen zusammen: Die erste ist jene, die wir im Moment erleben und unmittelbar im Körper spüren. Die zweite ist der Rückblick auf Intervalle. Diese Erfahrung beschreibt, wie lange eine Zeitspanne zwischen zwei Ereignissen retrospektiv vergangen ist – beispielsweise ein sich wiederholendes Intervall wie Geburtstage. Dann denkt man: „Oh! Das Jahr ist aber schnell vergangen.“ Die einzelnen Tage können lange gedauert haben, aber das Intervall zwischen diesen beiden Zeitpunkten scheint kurz zu sein. 

 Vergeht die Zeit bei angenehmen Erfahrungen nicht auch schneller?

Ja. Hier ist es in der Momentwahrnehmung so, dass Emotionalität, die man im Körper fühlt, das Zeitempfinden beeinflusst: Wenn man gelassen ist oder gut unterhalten wird, vergeht sie schnell. Wartezeit, in der man auch seinen Körper intensiver wahrnimmt und seinen Fokus auf die Uhr gerichtet hat, vergeht langsamer.

Heißt das, je mehr ich erlebe, desto schneller vergeht zum Beispiel auch mein Urlaub?

Im Moment schon, aber im Rückblick ist es etwas anders. Ein verlängertes Wochenende mit Freund* innen fühlt sich am Montag früh, nach nur drei Tagen, wie eine unglaublich lange Zeitspanne an. Wir haben so viel erlebt, dass wir viele Erinnerungen haben. Dies dehnt die Zeit im Rückblick.

Wieso scheint dann die Hinfahrt zum Urlaubsort länger als die Rückfahrt?
Da sind alle Eindrücke neu. Aber hier liegt es nicht an der Vertrautheit oder Unvertrautheit der Umgebung, sondern an der Erwartungshaltung gegenüber dem Ankunftsort. Die intensive Körperwahrnehmung dehnt die Zeit und sie scheint uns länger.

Und wie wirkt sich dann ein Jubiläum auf unsere Wahrnehmung aus?

Bei Ereignissen wie runden Geburtstagen oder Jubiläen ziehen wir immer Resümee und rufen uns alle Meilensteine in die Gegenwart. So etwas
ist wichtig, weil wir uns damit vergegenwärtigen können, woher wir kommen und was wir schon alles erreicht haben. Es erfüllt uns mit Stolz und macht den Weg sichtbar, den wir bereits zurückgelegt haben. Schließlich ist es die Summe all dieser vorangegangenen Ereignisse, die definiert, wer wir heute sind.